Finance-Teams stehen unter steigendem Druck, strategische Mehrwerte zu liefern – doch die dafür notwendigen Kompetenzen halten mit den Erwartungen nicht Schritt. In diesem Experten-Webinar diskutieren Carsten Gerger, VP Finance bei Lucanet, und Anders Liu-Lindberg, Partner bei Implement Consulting Group, die Kompetenzlücke im Finanzbereich: Was steckt wirklich dahinter, wo zeigt sie sich im Arbeitsalltag und warum reicht Automatisierung allein nicht aus, um sie zu schließen? Die vollständige Aufzeichnung in englischer Sprache können Sie hier abrufen.
Was ist mit der Kompetenzlücke in Finance gemeint?
Carsten: Es geht um den Abstand zwischen dem, was das Unternehmen von Finance erwartet, und dem, wozu Finance-Teams tatsächlich in der Lage sind. Das Problem ist nicht, dass die Menschen schlechter werden. Die Erwartungen haben sich verschoben – und die Kompetenzen sind damit nicht mitgewachsen.
Anders: Diese Lücke hat sich über Jahrzehnte aufgebaut, wenn ich ehrlich bin. Jede Krise, jede Transformation setzt die Messlatte erneut höher. Technologie sollte uns die Kapazitäten verschaffen, um diese Lücke zu schließen. Sie hat geholfen – aber mit erheblicher Verzögerung.
Wo zeigt sich die Lücke im Arbeitsalltag konkret?
Carsten: Nicht in der Analyse selbst. Die meisten Finance-Teams können Zahlen gut analysieren. Die Lücke zeigt sich bei der Verantwortungsübernahme. Häufig liegen zwei gut abgewogene Optionen auf dem Tisch – aber keine Empfehlung. Die Bereitschaft, eine klare Position einzunehmen, dazu zu stehen und die Konsequenzen zu tragen – das ist die eigentliche Lücke.
Anders: Ich würde noch Stakeholder-Einfluss und Business-Partnering ergänzen. Das sind zwischenmenschliche Fähigkeiten – und die meisten von uns sind ins Finanzwesen gegangen, weil sie gut mit Zahlen können, nicht mit Menschen. Beziehungen über verschiedene Unternehmensbereiche hinweg aufzubauen, braucht Jahre, nicht einen Workshop.
Warum kann Automatisierung die Lücke nicht schließen?
Carsten: Weil Automatisierung und künstliche Intelligenz unterschiedliche Probleme lösen. Automatisierung übernimmt deterministische Aufgaben – also Tätigkeiten mit einer klar richtigen Antwort. Das funktioniert seit Jahren gut. Künstliche Intelligenz hingegen ist probabilistisch. Sie kann einen Text entwerfen oder ein Modell beschleunigen, braucht aber dennoch einen Menschen, der das Geschäft versteht und beurteilen kann, ob das Ergebnis Sinn ergibt.
Anders: Es gab einen Test, bei dem KI-Modelle Aufgaben im Monatsabschluss übernehmen sollten – und sie kamen auf eine Genauigkeit von etwa 60 %. Genau dort, wo Urteilsvermögen gefragt war, haben sie versagt. Das zeigt, wo die eigentliche Arbeit nach wie vor liegt.
Was machen Finance-Teams mit gewonnener Zeit?
Anders: Wir haben dazu eine Umfrage durchgeführt. Nur 19 % der Finance-Leader gaben an, die gewonnene Zeit wirklich für höherwertige Tätigkeiten genutzt zu haben. Mehr als ein Drittel hatte die Absicht, strategisch tätig zu werden – fiel aber in alte Muster zurück.
Carsten: Das überrascht mich nicht. Wer Kapazitäten freisetzt, ohne eine klare Richtung vorzugeben, wird erleben, dass Menschen zu dem zurückkehren, was sie kennen: Abstimmungen, Überprüfungen und vertraute Routineaufgaben. Es braucht jemanden, der sie gezielt auf Tätigkeiten lenkt, die für das Unternehmen wirklich relevant sind.
Warum reicht klassische Weiterbildung nicht aus?
Carsten: Ein zweitägiges Seminar fühlt sich für zwei Tage großartig an. Dann sitzt man wieder am Schreibtisch – mit denselben Deadlines und denselben Ansprüchen an Genauigkeit. Nichts hat sich verändert. Das Arbeitsumfeld überschreibt die Weiterbildung.
Anders: Was stattdessen funktioniert, ist ein Rhythmus. Kürzere Lerneinheiten, direkt gepaart mit der unmittelbaren Anwendung des Gelernten – und das über Monate hinweg. Man muss zwischen Lernen und Anwenden hin- und herwechseln, statt eine lange Schulung zu absolvieren und danach nie wieder darauf zurückzukommen.
Welcher Mindset-Wandel ist für Finance am wichtigsten?
Carsten: Lösen Sie sich von der 99-Prozent-Mentalität – zumindest bei internen Aufgaben. Bei externen Berichten ist Genauigkeit selbstverständlich unverzichtbar. Aber intern kostet das Warten auf Perfektion oft mehr als ein Fehler, den man einfach korrigiert. Streichen Sie deshalb von Ihrer To-Do-Liste: Interne Berichte bis zur letzten Nachkommastelle polieren. Die dritte Prüfschleife einer Prognose. Was Sie weglassen, ist genauso wichtig wie das, was Sie anfangen.
Anders: Ich sage immer: Lieber zu 55 % recht haben und es teilen, als schweigen, bis man sich zu 100 % sicher ist. Meistens hilfst du damit mehr.
Was sollten Führungskräfte konkret tun?
Carsten: Stellen Sie nach fachlicher Kompetenz ein – und bauen Sie dann gezielt unternehmerisches Denken auf, indem Sie Mitarbeitende direkt in den Austausch mit anderen Bereichen bringen. Und gehen Sie als Vorbild beim Umgang mit Fehlern voran. Wenn Ihr Team Sie nie scheitern sieht, wird es davon ausgehen, dass Fehler nicht erlaubt sind – und genau die Verantwortungsbereitschaft verlieren, die wir eigentlich brauchen.
Bereit, Ihr Finance-Team für die Zukunft vorzubereiten?
Sehen Sie sich das vollständige Gespräch zwischen Carsten Gerger und Anders Liu-Lindberg an, in dem sie tiefer in praxisnahe Strategien für zukunftsfähige Finance-Kompetenzen eintauchen – von einem neuen Ansatz in der Weiterbildung bis hin zur Etablierung einer Kultur, in der Verantwortungsübernahme gelebt wird.