Steuernde Hand im Cockpit: Wie Sie Steuerteams im Zeitalter von Workflow-Agenten führen

Veröffentlicht 05. Nov. 2026  | 5 Min. Lesezeit
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    Lea Rövekamp

    Head of Tax, Lucanet

Im modernen Cockpit übernimmt der Autopilot den Großteil des Fluges. Trotzdem würde keine Airline ihr Pilotenteam als Passagiere bezeichnen. Die Besatzung arbeitet in zwei klar definierten Rollen: Eine Person fliegt, die andere überwacht. Überwachen ist nicht die weniger wichtige Aufgabe. Sie wird trainiert, überprüft und mit ebenso viel Ernsthaftigkeit behandelt – denn die Luftfahrt hat längst gelernt: Automatisierung beseitigt Risiken nicht. Sie verlagert sie.

Genau auf diese Konstellation bewegt sich das Steuerrecht zu. Ich glaube, dass unser Berufsfeld dafür besser gerüstet ist, als sein Ruf vermuten lässt.

 

Steuerteams waren schon immer im Restrisiko-Geschäft

Steuerprofis gelten als vorsichtig gegenüber neuen Technologien. Diesen Ruf wird es zunehmend schwerer zu rechtfertigen. KI entwickelt sich in unserem Berufsfeld schneller von einem gelegentlichen Experiment zu einem alltäglichen Werkzeug, als viele von uns erwartet hätten. In diesem Frühjahr erwähnte der CFO von Anthropic in einem Podcast, dass der mit Abstand aktivste interne Nutzer von Claude die Head of Tax des Unternehmens ist – keine Ingenieurin, keine Forscherin. Bei einem der weltweit führenden KI-Unternehmen sitzt die intensivste Nutzerin im Steuerbereich.

Das deutet darauf hin, dass Menschen, die täglich mit Restrisiken umgehen, sehr schnell erkennen, wo diese Werkzeuge ihnen nützen. Das sollte uns nicht überraschen. Man schaue nur an, worauf unsere Disziplin aufgebaut ist: Dokumentationspflichten, das Vier-Augen-Prinzip, Tax-Compliance-Management-Systeme, Wesentlichkeitsurteile und Steuerpositionen, die auch Jahre später noch einer Betriebsprüfung standhalten müssen. Steuerfunktionen haben nie Fehlerfreiheit versprochen. Was sie leisten: Restrisiken systematisch steuern und das auch erklären können. Genau das ist die Kompetenz, die Workflow-Agenten einfordern.

Ich bin daher der Meinung, dass Steuerteams nicht abwarten sollten, wie sich Agenten in anderen Finanzbereichen bewähren. Steuerteams sollten den Standard setzen, nach dem sie gesteuert werden.

Für CFOs ist das weit mehr als eine steuerliche Frage. Restrisiken managen, auf einen nachvollziehbaren und prüffähigen Prozess bestehen, Review-Kapazitäten dort bündeln, wo das Risiko am höchsten ist: Das ist der Bauplan für die Governance von Agenten in Abschluss, Reporting und Planung. Steuerteams üben das nur schon am längsten.

 

Warum erwarten wir von Agenten Perfektion?

Um es klar zu sagen: Das Vier-Augen-Prinzip funktioniert. Es ist einer der Gründe, warum Steuerfunktionen die Qualität liefern, die sie liefern. Aber es hat Fehler nie ausgeschlossen, und das hat auch niemand erwartet. Zeitdruck, hohe Volumina, komplexe Sachverhalte: Jede erfahrene Steuerverantwortliche weiß, wo menschliche Arbeit an ihre Grenzen stößt. Wir nehmen dieses Restrisiko an und handeln entsprechend, weil wir es verstehen.

Bei Agenten erwarten viele von uns etwas anderes: null Fehler. Ich glaube, der Grund dafür ist Kontrolle. Wir fühlen uns schlicht wohler damit, dem Gedankengang einer Kollegin oder eines Kollegen zu folgen als dem eines Agenten – zumindest noch. Wenn einer Person ein Fehler unterläuft, können wir ihr Denken in der Regel nachvollziehen und besprechen. Bei einem Agenten haben wir dieses Vertrauen noch nicht – weder darin, wie noch wo er Fehler machen könnte. Als Ausgleich fordern wir daher Perfektion.

Das ist verständlich, aber es ist die falsche Schlussfolgerung. Die Antwort auf fehlende Intuition ist kein unmöglicher Maßstab, sondern Nachvollziehbarkeit. Vertrauen in professionelle Arbeit entstand nie dadurch, dass jemand sagt, es sei korrekt. Es entsteht durch die Möglichkeit, es selbst zu prüfen. So überprüfen wir die Arbeit von unserem Team – und genau das sollten wir von einem Agenten verlangen: welche Daten er verwendet hat, welche Regel er angewendet hat, wie sicher er sich dabei war. Wenn wir noch nicht spüren können, wie ein Agent denkt, müssen wir es sehen können.

Dann wird die richtige Frage beantwortbar. Nicht ob der Agent perfekt ist, sondern ob die Kombination aus Agent und prüfender Person das Restrisiko besser beherrscht als das heutige Setup. Das ist oft der Fall, selbst bei rein regelbasierten Schritten. Ein deterministischer Schritt kann von einem Agenten vorbereitet und von einer Person bestätigt werden, genauso gut wie umgekehrt.

 

Gleiches Ziel, bessere Transparenz

Im Steuerbereich ist das Ziel vollständige Korrektheit – und das bleibt so. Haftung ist real, und niemand unterschreibt eine Steuererklärung in der Annahme, sie sei wahrscheinlich richtig. Was sich meiner Einschätzung nach verändern wird, ist nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin.

Heute stützt sich das Erreichen dieses Ziels weitgehend auf implizite Absicherungen: Sorgfalt, Erfahrung und eine gründliche Prüfung. Sie funktionieren gut, hinterlassen aber kaum eine Spur davon, wo das Restrisiko tatsächlich lag. Ich glaube, dass Steuerteams dieses Risiko künftig weit expliziter managen werden: indem sie wissen, wo Unsicherheit entsteht, sie sichtbar machen und gezielt steuern.

Genau hier kann KI das Ziel vollständiger Korrektheit wirklich unterstützen. Ein konkretes Beispiel: die Zuordnung von GuV- und Bilanzpositionen zu Steuererklärungspositionen. Der Prozess ist regelgetrieben, volumenstark und fehleranfällig auf subtile Weise. Bei einem Mapping-Agenten, den wir bei Lucanet derzeit entwickeln, enthält jeder Vorschlag seine Grundlage und einen Konfidenzwert. Das gibt der prüfenden Person etwas, das eine fertige Zahl nie bieten kann: Einblick in die Stellen, an denen das System sicher war, und in die, an denen es das nicht war – und warum. Und die Ausreißer zeigen oft, wo die zugrundeliegenden Daten oder unsere eigenen Definitionen weniger präzise sind als gedacht.

Diese Transparenz ist kein Grund, weniger genau hinzuschauen. Ein Konfidenzwert ist eine Behauptung und sie muss wie jede andere hinterfragt werden. Aber sie wandelt das Prüfen vom bloßen Ergebnischeck zu einem Verstehen des Weges, auf dem das Ergebnis zustande kam. Für mich ist das die Messlatte, die jeder Agent im Steuerbereich erfüllen muss: Berechnungen auf Basis deterministischer Logik, und jeder Schritt nachvollziehbar. Das ist auch der Gedanke hinter dem Intelligence Core – der Architektur, auf der alle Agenten von Lucanet aufgebaut sind. Ein Agent, der nur eine Antwort liefert, kann nicht geprüft werden. Man kann ihm nur glauben. Und Glaube ist keine Kontrolle.

 

Arbeit lässt sich delegieren, Verantwortlichkeit nicht

Für Tax-Leader verändert das die eigentliche Gestaltungsfrage. Steuerorganisationen waren bisher immer rund um die Arbeit strukturiert: Wer bereitet was vor, wer prüft was, wer unterschreibt? Hybride Teams müssen stattdessen rund um Verantwortlichkeit strukturiert sein. Wo liegt das Urteilsvermögen? Wer verantwortet den Standard, an dem ein Agent gemessen wird? Wer erkennt, wenn seine Leistung nachlässt oder wenn eine Gesetzesänderung die gestern noch korrekte Antwort heute falsch macht?

Das sind keine IT-Fragen. Das sind Führungsfragen. Nur die Steuerfunktion kann sie beantworten, denn nur sie weiß, wie eine verteidigbare Steuerposition aussieht.

 

Prüfen lernen, wenn sich die Vorbereitung verschiebt

Die Luftfahrt nennt es Automatisierungsträgheit: Je zuverlässiger das System, desto schwieriger ist es, wachsam zu bleiben. Deshalb fliegen Pilotinnen und Piloten noch immer manuell.

Steuerteams stehen vor einer ähnlichen Herausforderung. Unser Urteilsvermögen wurde immer durch Vorbereitung aufgebaut: Man lernt, wann eine Zahl falsch wirkt, indem man selbst genug davon produziert. Wenn Agenten künftig mehr dieser Vorbereitung übernehmen, verschiebt sich der Weg, auf dem dieses Gespür entsteht. Und das Prüfen wird nicht einfacher. Um eine Zahl zu beurteilen, die man nicht selbst erstellt hat, muss man jeden Schritt verstehen, der zu ihr geführt hat.

Ich glaube, das wird verändern, wie Steuerfachleute lernen – sowohl an der Universität als auch im Job – und zwar grundlegender, als wir vielleicht erwarten. Lernen wird nicht mehr nur vor oder neben der Technologie stattfinden, sondern mit ihr. Die Argumentation eines Agenten durchzuarbeiten, seine Ausreißer zu hinterfragen, zu verstehen, warum er falsch lag: Das wird Teil des Weges, auf dem Urteilsvermögen entsteht. Prüfen wird als eigenständige Disziplin gelehrt werden müssen – und nicht als selbstverständlicher nächster Karriereschritt vorausgesetzt werden können. Für alle, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen: Die Arbeit verschwindet nicht. Sie wird anspruchsvoller und interessanter.

 

Drei Überlegungen für jeden Tax-Leader

  1. Legen Sie für Agenten denselben Maßstab an wie für Ihr Team: Streben Sie nach Perfektion, messen Sie an der Realität, und kennen Sie Ihre eigene Ausgangslage, bevor Sie vergleichen.
  2. Steuern Sie Restrisiken explizit, nicht implizit: Wissen Sie, wo Unsicherheit entsteht, und erwarten Sie von Agenten, dass sie ihre Argumentation und ihre Konfidenz sichtbar machen.
  3. Gestalten Sie, wie der Nachwuchs Ihres Berufsfelds Urteilsvermögen entwickelt, während die Arbeit, die das früher lehrte, sich gerade verschiebt.

 

Workflow-Agenten werden Steuerteams nicht aus dem Cockpit holen. Sie werden verändern, wer fliegt, wer überwacht und was beides gut erfordert. Steuerteams wissen besser als jede andere Funktion, wie man mit dieser Art von Risiko umgeht. Höchste Zeit, dabei die Führung zu übernehmen.

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    Lea Rövekamp

    Head of Tax, Lucanet

    Lea Rövekamp ist Head of Tax bei Lucanet, wo sie die globale Steuerabteilung des Konzerns leitet. Als deutsche Steuerberaterin verfügt sie über mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in den Bereichen internationales Steuerrecht, Transaktionssteuer, M&A und modernes Tax Governance – sowohl bei Big-Four-Gesellschaften als auch in Inhouse-Funktionen. 

    Seit ihrem Einstieg bei Lucanet im Jahr 2023 baut sie eine Steuerabteilung auf, die mit dem internationalen Wachstum des Unternehmens Schritt hält – mit Automatisierung und KI als zentralen Elementen. Sie arbeitet eng mit den Produkt- und Engineering-Teams von Lucanet zusammen und bringt dabei die Perspektive einer erfahrenen Steuerpraktikerin in die Entwicklung von Steuerlösungen ein. Lea tritt regelmäßig als Speakerin auf Branchenveranstaltungen auf und veröffentlicht Fachbeiträge in einschlägigen Zeitschriften zur Zukunft der Steuerfunktion – mit dem Ziel, neue Denkansätze im Bereich Steuern zu eröffnen. 

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