18.03.2015 - Berichten wir uns zu Tode?

Neue EU-Richtlinie erweitert Lageberichterstattung

Am 15.11.2014 wurde die „Richtlinie über die Offenlegung nichtfinanzieller und die Diversität betreffender Informationen durch bestimmte große Unternehmen und Gruppen (Richtlinie 2014/95/EU)“ im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Die Umsetzung in nationales Recht haben die Mitgliedstaaten bis zum 06.12.2016 zu verantworten. Die Erstanwendung der dann in nationales Recht umgesetzten Regelungen ist vorgesehen für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 01.01.2017 beginnen. Was bedeutet die neue Richtlinie für die Unternehmen?

Die Richtlinie fordert erweiterte Angaben im (Konzern-)Lagebericht von bestimmten großen Unternehmen, die im öffentlichen Interesse stehen und eine durchschnittliche Anzahl von mehr als 500 Beschäftigten während des Geschäftsjahres haben. Die erweiterten Angaben im (Konzern-)Lagebericht beziehen sich auf eine nichtfinanzielle Erklärung, die zum Verständnis

  • des Geschäftsverlaufs,
  • des Geschäftsergebnisses,
  • der Unternehmenslage sowie
  • der Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit

dienen muss.


Mindestens muss auf Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelange, auf die Wahrung der Menschenrechte und Bekämpfung von Korruption und Bestechung eingegangen werden.

Der Abschlussprüfer hat die Existenz der Erklärung zu prüfen. Die Richtlinie lässt es als Mitgliedstaatenwahlrecht zu, dass die Mitgliedstaaten auch eine inhaltliche Überprüfungspflicht festlegen können. Tochterunternehmen wird die Befreiung von der Erklärung ermöglicht, wenn die erforderlichen Angaben im konsolidierten Lagebericht bzw. separaten Bericht vorgenommen werden.


Große kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen zusätzlich im Rahmen der Unternehmensführung eine Beschreibung des Diversitätskonzepts offenlegen, bezüglich

  • Verwaltungs-, Leitungs- und Aufsichtsorganen (beispielsweise betreffend Alter, Geschlecht, Bildungs- und Berufshintergrund),
  • der Ziele des Diversitätskonzepts,
  • der Verfahrensweise zur Umsetzung des Diversitätskonzepts sowie
  • der Ergebnisse des Diversitätskonzepts im Berichtszeitraum.

Sofern ein solches Konzept nicht existiert, bedarf es einer Erläuterung in der Erklärung.

Konsequenzen für die Praxis

Einige der neuen Berichtselemente werden schon von DRS 20 für den Konzernlagebericht gefordert. Darüber hinaus dürfte sich für Unternehmen, die schon heute Nachhaltigkeitsberichte nach GRI G3 (ab 2016 G4) veröffentlichen, der Anpassungsbedarf in Grenzen halten. Die Richtlinie wird aber dazu führen, der bislang freiwilligen bzw. DRS 20- und damit GoB-konformen Berichterstattung in Teilbereichen einen rechtlichen Zwangsrahmen zu geben. Folglich werden ab 2017 über die oben genannten Themen auch jene größeren Unternehmen berichten, die sich bislang in der freiwilligen Berichterstattung zurückgehalten haben. Darüber hinaus wird sie auch für größere, nicht konzernverbundene Unternehmen obligatorisch.

Verfahren der Umsetzung

Die Richtlinie ergänzt und ändert die EU-Bilanzrichtlinie (Richtlinie 2013/34/EU). Deren Umsetzung in nationales Recht ist gerade mit dem Entwurf eines Bilanzrichtlinie-Umsetzungsgesetzes (BilRUG) angeschoben worden; ich habe darüber in der letzten Ausgabe des Kundenmagazins berichtet. Seit dem 07.01.2015 liegt nun der Regierungsentwurf des BilRUG vor. Dabei ist die neue Richtlinie noch nicht eingebaut worden. Wir werden also zwei Gesetzgebungsverfahren innerhalb kürzerer Zeit hintereinander sehen.

Blick zurück – aber nicht im Zorn

Angesichts der Flut an Berichterstattungsvorschriften könnte man fast wehmütig werden mit einem Blick nur 25 oder 30 Jahre zurück: Erst mit dem Bilanzrichtliniengesetz 1985 wurde für alle Mutter-Kapitalgesellschaften die Konzernlageberichterstattung eingeführt, pflichtgemäß anzuwenden für Geschäftsjahre ab 1990. Die freiwillige vorzeitige Anwendung wurde von vielen größeren Konzernen wahrgenommen. Die – Verzeihung – älteren Leser dieser Zeilen mögen sich erinnern, die jüngeren staunen: Der für den Konzernlagebericht einschlägige § 315 HGB hatte damals drei Absätze und 64 Wörter. Konzernlageberichte zur damaligen Zeit, zumal im Mittelstand, fielen so auch recht kurz aus. Sie waren allerdings auch, seien wir ehrlich, nicht besonders informativ. Standards des DRSC, Corporate-Governance-Erklärungen, Diversität? Fehlanzeige. Und doch endete mit dem Bilanzrichtliniengesetz 1985 das Paradies für Offenlegungsmuffel.

Status quo

Nach zahlreichen Erweiterungen hat § 315 HGB mittlerweile vier Absätze, auf die sich 642 Wörter verteilen. Nun geht die Verzehnfachung des Umfangs der Norm nicht flächendeckend mit einer Verzehnfachung des Umfangs der Lageberichterstattung einher, doch wird die Beobachtung eines deutlichen Umfangwachstums der veröffentlichten Lageberichte unwidersprochen bleiben. Bei großen Konzernen reden wir hier von 80 Seiten und mehr.

Doch das ist ja noch nicht alles. Der Konzernlagebericht soll auch in Einklang mit DRS 20 aufgestellt werden. Der Standard konkretisiert die gesetzlichen Vorschriften, gibt hier durchaus Hilfestellung, geht aber auch zum Teil über das vom Gesetzgeber Geforderte hinaus. Auf der anderen Seite muss man konstatieren: Lageberichte unter Beachtung von DRS 20 sind, zumal im Prognoseberichtsteil, deutlich informativer als zuvor. Insbesondere zu finanziellen Leistungsindikatoren sind nun Punkt- oder Intervallprognosen oder Trendaussagen (positiv oder negativ) zusammen mit einer Intensitätsangabe (z. B. stark, erheblich, geringfügig, leicht) erforderlich. Die Aussage „Wir erwarten steigende Umsätze“ ist also nach DRS 20 unzureichend, weil die Intensitätsangabe fehlt. Darüber hinaus fordert DRS 20 Soll-Ist-Angaben, sodass Abschlussadressaten in der Lage sind, die Güte vormaliger Prognosen einzuschätzen.

Anschauungsmaterial liefern die Lageberichte börsennotierter Konzerne reichlich. Dass hier besondere Sorgfalt auf die Erstellung des Lageberichts gelegt wird, wundert nicht, denn die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung hat die Konzernlageberichterstattung nach DRS 20 in 2015 zum Prüfungsschwerpunkt erhoben. Es ist davon auszugehen, dass die „Standards“, die hier von den großen Konzernen gesetzt werden, auch auf den Mittelstand durchschlagen werden.

Doch kommen wir zurück zum bloßen Umfang der Unternehmensberichterstattung. Wir sollten nicht vergessen: Schon seit Jahren müssen Vorstand und Aufsichtsrat von börsennotierten Aktiengesellschaften jährlich eine Erklärung zum Corporate-Governance-Kodex abgeben. Diese Erklärung – zahlreiche Seiten – wird auf den Heimseiten der Konzerne hinterlegt.

Schließlich hat sich in 1997 in Boston die „Global Reporting Initiative (GRI)“ gegründet, die im Jahr 2000 erste Vorschläge über eine Nachhaltigkeitsberichterstattung veröffentlicht hat. Arbeits- und Sozialberichte sowie Umweltschutzberichte waren zwar schon rund 20 oder 30 Jahre früher bekannt und wurden auch von großen deutschen Unternehmen freiwillig veröffentlicht. Doch mit der GRI besteht jetzt eine global agierende Organisation, die hier Standards setzt. Im Mai 2013 wurde der Standard G4 zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verabschiedet. Zahlreiche deutsche Großunternehmen, so etwa 28 der DAX 30, befolgen mittlerweile die Verlautbarungen der GRI und veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte. Auch viele mittelständische Konzerne nutzen dieses Instrument zur Außendarstellung.

Zu viel des Guten?

Nun ist das Absenden von Informationen über die diversen Tätigkeiten und Belange eines Unternehmens das eine. Das andere ist die Aufnahmekapazität der potenziellen Empfänger der Informationen. Wer, so darf hier vielleicht einmal gefragt werden, ist eigentlich noch in der Lage, die Flut an Unternehmensinformationen zu verarbeiten, sozusagen die Spreu vom Weizen zu trennen? Ein Zuviel an Informationen, ein „information-overload“, wird ja insbesondere für den Anhang im IFRS-Konzernabschluss schon seit Längerem beklagt. Und nun soll auch die Lageberichterstattung noch einmal deutlich erweitert werden.

Ganz abgesehen davon kostet die Informationsbereitstellung „Ressourcen“, also Zeit und Geld. Dass ein „mehr“ an Informationsbereitstellung von kapitalmarktorientierten Unternehmen gefordert wird, mag einleuchten: Sie bedienen sich anonymer Kapitalgeber, die ein nachvollziehbares Bedürfnis nach Informationen haben, um ihre mögliche Risikoposition beurteilen zu können. Das gilt aber nicht für familiengeführte Unternehmen, die den anonymen Kapitalmarkt gar nicht in Anspruch nehmen. Hier gibt es nur wenige Geldgeber, deren Informationsbedürfnisse man mit bilateralen Gesprächen oft sehr gut erfüllt hat. Und wer der Auffassung war, Unternehmensberichterstattung auch als Marketing-Instrument für die eigene Geschäftspolitik zu nutzen, hat das in der Vergangenheit durch freiwillige Berichterstattung – siehe Sozial-, Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsberichte – bereits getan.

Mich beschleicht zuweilen ein dumpfes Gefühl einer Überregulierung bei der Unternehmensberichterstattung. Allmählich, so meine ich, ist es genug. Regulierungsinstanzen sollten nicht vergessen: Der Kuchen, über den da berichtet werden soll, muss auch erst mal gebacken werden.

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