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Volkswirtschaft: Weniger Wachstum – Mehr Glück

Prof. Dr. Tobias Kronenberg 11.04.2019 Up to Trends
© Romolo Tavani - stock.adobe.com

Stellen Sie sich eine Insel vor, auf der ein Volk von 100 Kaninchen lebt. Diese Kaninchen tun, was Kaninchen nun mal so tun: Sie machen Männchen, hoppeln durch die Felder, mümmeln Möhren und Gras – und vermehren sich. Jedes Kaninchen der ersten Generation hat im Durchschnitt zwei Nachkommen. Das bedeutet: Die zweite Generation besteht aus 200 Kaninchen. In der dritten Generation haben wir 400 Kaninchen. In der vierten sind es 800. In der fünften schon 1.600. Und so weiter. Kaninchen sind lieb und niedlich. Aber eine stetig wachsende Anzahl der kleinen Mümmelmänner kann unsere Insel nicht auf Dauer verkraften. Irgendwann wird die Nahrung knapp. Wenn es nicht mehr genug zu futtern gibt, müssen einige Kaninchen Hunger leiden. Oder auswandern. Auf Dauer kann die Kaninchenpopulation nicht über ein nachhaltiges Niveau steigen. Ein stetiges Wachstum unseres Kaninchen-Volkes ist aufgrund der begrenzt vorhandenen Ressourcen offensichtlich unmöglich.

Volkswirtschaft und die Grenzen des Wachstums

Von unserer Volkswirtschaft erwarten wir jedoch, dass sie genau das tut, was den Kaninchen nicht gelingen kann. Sie soll wachsen, wachsen, wachsen. Immer weiter, von Jahr zu Jahr. Die deutsche Volkswirtschaft ist bereits riesig. Sie erwirtschaftet ein jährliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Höhe von 3,3 Billionen Euro. Von 1991 bis 2017 ist sie im Durchschnitt um 1,4 Prozent pro Jahr gewachsen. Wenn sie diese Wachstumsrate beibehält, wird sie im Jahr 2067 doppelt so groß sein wie heute. Und im Jahr 2117 bereits viermal so groß.

Immer mehr Ökonomen fragen sich, ob das gutgehen kann. Vielleicht stößt die Volkswirtschaft – genau wie die bedauernswerte Kaninchenpopulation – irgendwann an Grenzen des Wachstums. Was dann passiert, kann niemand genau voraussehen.

Möglich ist: Die natürlichen Ressourcen werden immer knapper. Oder ökologische Veränderungen, wie zum Beispiel der Klimawandel, führen zu massiven wirtschaftlichen Schäden. Diese machen ein weiteres Wachstum unmöglich. Genau wie die Kaninchenpopulation könnte die Volkswirtschaft dann gezwungen sein, wieder auf ein dauerhaft tragfähiges Niveau zu schrumpfen.

Trick 1 der Volkswirtschaft: Ressourcen effizienter nutzen

Nun beherrscht unsere Volkswirtschaft glücklicherweise ein paar Tricks, die den Kaninchen nicht zur Verfügung stehen. Beispielsweise kann sie durch Forschung und Entwicklung neue Technologien entwickeln und dadurch ihre Ressourceneffizienz steigern. Dann kann dieselbe Gütermenge bei einem geringeren Ressourcenverbrauch produziert werden – oder eine größere Gütermenge bei konstantem Ressourcenverbrauch.

Als Faustregel kann man festhalten: Für jedes Prozent Wirtschaftswachstum muss die Ressourceneffizienz um ein Prozent steigen. Wenn die Wirtschaft um zwei Prozent wächst, die Ressourceneffizienz aber nur um ein Prozent, dann steigt der Ressourcenverbrauch um ein Prozent. Wir befinden uns also in einer Art Wettrennen zwischen der wachsenden Wirtschaft einerseits und dem technologischen Fortschritt andererseits.

„Faustregel: Für jedes Prozent Wirtschaftswachstum muss die Ressourceneffizienz um ein Prozent steigen.“

 

Beispiel für gesteigerte Ressourceneffizienz in der Volkswirtschaft

Die Automobilindustrie bietet ein gutes Beispiel für technologischen Fortschritt und die damit mögliche Steigerung der Ressourceneffizienz. Mein erstes Auto war ein VW Käfer. Der verbrauchte auf einer Hundertkilometerstrecke satte zehn Liter Benzin. Das entspricht einem CO2-Ausstoß von circa 23 kg. Heute fahre ich einen Up!. Der verbraucht für dieselbe Strecke nur 4,5 Liter. Ich kann jetzt also 100 km weit fahren und dabei weniger als halb so viel Kraftstoff verbrauchen – oder mit zehn Litern Benzin mehr als doppelt so weit fahren wie früher.

„Umweltfreundliche Produkte sind oft bequemer, gesünder und schöner als die umweltschädlichen Alternativen.“ 

 

Trick 2 der Volkswirtschaft: umweltfreundlicher konsumieren

Der technologische Fortschritt ist eine Möglichkeit, eine Kollision mit den Grenzen des Wachstums zu vermeiden. Es gibt aber noch eine weitere: Anders als Kaninchen, sind Menschen in der Lage, ihr Verhalten bewusst zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Sie können beispielsweise entscheiden, ihr Konsumverhalten anzupassen. Sie können fortan weniger ressourcenintensive – und somit umweltschädliche – Produkte konsumieren. Das muss keineswegs zu einer Reduzierung des ökonomischen Wohlstands führen. In vielen Fällen sind umweltfreundliche Produkte bequemer, gesünder oder einfach schöner als die umweltschädlichen Alternativen.

 

Beispiel für umweltfreundlicheren Konsum

Als ich vor einigen Jahren an einer Konferenz in Barcelona teilnehmen sollte, erkannte ich: Die Reise muss ich nicht unbedingt mit dem umweltschädlichen Flugzeug machen. Mit dem schnellen und eleganten TGV bin ich komfortabel und entspannt ans Ziel gekommen. Nebenher konnte ich eine beträchtliche Menge an Treibhausgas-Emissionen sparen. Außerdem entdeckte ich folgendes: Die TGV-Strecke führt durch die südfranzösische Landschaft und bietet wunderschöne Ausblicke auf das Mittelmeer und die Weinberge des Languedoc. Es wäre zu schade, da einfach achtlos drüberzufliegen!

„Internationale Studien zeigen, dass die Lebenszufriedenheit der Menschen in reichen Ländern wie Deutschland nicht unbedingt größer ist als in Schwellen- oder Entwicklungsländern.“

 

Ist Wohlstand in einer Volkswirtschaft wirklich durch das Einkommen definiert?

Zu guter Letzt gibt es noch eine weitere Strategie zum Umgang mit dem Dilemma aus Wachstum und Ressourcenverbrauch. Vielleicht muss das BIP ja gar nicht mehr so schnell wachsen wie bisher. Das BIP als die Summe aller Einkommen wurde jahrzehntelang als Indikator für den Wohlstand einer Nation interpretiert.

Aber: Ist mehr Einkommen immer noch gleichbedeutend mit mehr Wohlstand?

Psychologen und Glücksforscher zweifeln daran. Internationale Studien zeigen: Die Lebenszufriedenheit der Menschen in reichen Ländern wie Deutschland ist nicht unbedingt größer ist als in Schwellen- oder Entwicklungsländern. Der (fehlende) Zusammenhang zwischen Pro-Kopf Einkommen und Lebenszufriedenheit ist in der Literatur als „Easterlin-Paradox“ bekannt geworden.

Eine mögliche Erklärung dafür: Ab einem gewissen Schwellwert ist eine Volkswirtschaft in der Lage, die Einwohner eines Landes mit den notwendigen Gütern und Dienstleistungen, Schulen, Trinkwasser, Internetzugang, Arztpraxen und Krankenhäusern zu versorgen.

Wenn eine Volkswirtschaft zu arm ist, um diese Versorgung zu gewährleisten, schlägt sich dieser Mangel in objektiv messbaren Problemen wie einer niedrigen Lebenserwartung und einer hohen Säuglingssterblichkeit nieder. Hoch entwickelte Volkswirtschaften in Europa und Nordamerika haben schon vor Jahrzehnten ein Niveau erreicht, das eine angemessene Versorgung ermöglicht. Weiteres Wachstum über diesen Schwellwert hinaus hat kaum noch nachweisbare Effekte auf die Zufriedenheit der Menschen im Land.

So gesehen stellt sich folgende Frage: Sollte das ständige Wirtschaftswachstum, das wir seit Mitte des 20. Jahrhunderts für normal und richtig halten, im 21. Jahrhundert noch immer dieselbe Bedeutung haben?

Statt Wachstum einer Volkswirtschaft mehr Freizeit genießen

John Maynard Keynes wird in heutigen VWL-Lehrbüchern vor allem für seine Analyse von kurzfristigen Konjunkturschwankungen gerühmt wird. Er hat schon im Jahr 1930 einen Blick ins 21. Jahrhundert gewagt. In seinem Essay über die „Ökonomischen Möglichkeiten unserer Enkel“ spekulierte Keynes über die Wirtschaft im Jahr 2030. Darin sagte er korrekt voraus, dass die Arbeitsproduktivität dank technologischer Fortschritte und der Akkumulation von Kapital um ein Vielfaches steigen würde.

Die Produktivitätsfortschritte, so vermutete Keynes, würden die Menschen der Zukunft aber nicht nur zur ständigen Steigerung des BIP nutzen. Stattdessen würden sie etwas weniger arbeiten und sich mehr Freizeit gönnen. Konkret nannte er eine Arbeitszeit von drei Stunden am Tag, die vollkommen ausreichend sei. In der neu gewonnenen Freizeit könnten die Menschen den wahren Genüssen frönen. So könnten sie beispielsweise Gedichte schreiben, tanzen oder musizieren. Weniger Wachstum – mehr Glück?

Erben des Ökonoms John Maynard Keynes

Der große Keynes selbst blieb kinderlos. Eine Schwangerschaft seiner Frau Lydia endete tragisch mit einer Fehlgeburt. Er konnte dadurch keine biologischen Enkel hinterlassen. In gewisser Weise sind wir aber alle seine Enkel. Wir sollten uns im 21. Jahrhundert überlegen, ob wir unsere Einkommen immer weiter steigern müssen oder ob wir uns nicht – bei geringem Einkommensverzicht – etwas mehr Freizeit gönnen sollten.
 

Zum Autor von „Volkswirtschaft: Weniger Wachstum – Mehr Glück?“

Der Beitrag „Volkswirtschaft: Weniger Wachstum – Mehr Glück?“ stamm von Prof. Dr. Tobias Kronenberg. Professor Dr. Kronenberg lehrt Volkswirtschaftslehre, insbesondere Nachhaltige Ökonomie an der Hochschule Bochum. LucaNet konnte ihn als Gastautor für das LucaNet Kundenmagazin in der Ausgabe 03/2018 gewinnen. Hier erschien sein Artikel erstmals in der Rubrik „Spotlight“.

Neben Artikeln, die das Phänomen Wachstum aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, berichtet in dieser Ausgabe des Kundenmagazins Professor Dr. Carsten Theile von dem Plan der EU-Kommission zur Rettung der Welt – sehr empfehlenswert.
 

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Zuletzt aktualisiert: 11.04.2019

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